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Nettes Tucholsky-Gedicht ist leider ein Hoax

Erstellt von Andreas Brandl am 12. November 2008

Was haben die e-mail-User nicht alle überrascht und überwältigt reagiert und das eben empfangene Gedicht sogleich weiter verteilt! Welch eine unglaubliche Weitsicht muss dieser Kurt Tucholsky gehabt haben, wenn er ein solches Gedicht bereits im Jahre 1930 in “Die Weltbühne” veröffentlichte:

Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen – echt famos!


Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.


Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.


Trifft’s hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken –
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!


Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.


Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.


Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und – das ist das Feine ja –
nicht nur in Amerika!


Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen –
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.


Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

Und vor allem, welch düstere Aussicht steht uns dann noch bevor? Doch weit gefehlt!

Tucholsky mag zwar schon genial gewesen sein, aber nicht soo genial! Hier handelt es sich mal wieder um einen der beliebten Hoaxes!

Der tatsächliche Autor ist der 69jährige Richard Kerschhofer aus Wien, schreibt das Sudelblog. Aber keine Sorge, sogar die Presse ist ab und an drauf reingefallen:

…in Deutschland die Westdeutsche Zeitung und die Nürnberger Nachrichten (die zwei Tage später den Fehler berichtigten), oder in der Schweiz die Basler Zeitung und das St. Galler Tagblatt.
Mehr dazu bei Sudelblog.deDie Verbreitung einer Gedicht-Legende

via N:SIGN//Blog

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